Die vergessene Kraft



In letzter Zeit begegnet mir immer wieder das Thema Initiation.
Initiation vom Kind zum Erwachsenen.
Initiation in die eigene Kraft.
Initiation in die Weiblichkeit, als Aufnahme in den Kreis der Frauen.
Initiation in die Männlichkeit, als Aufnahme in den Kreis der Männer.
Initiation der Frau, als weise Alte der Familie, wenn die Mutter gegangen ist.
Initiation des Mannes, als weiser Alter der Familie , wenn der Vater gegangen ist

Wo ist dieses Ritual verschollen?
Was wurde dadurch für den einzelnen Menschen erreicht?
Warum brauchen wir es dringend wieder?
Und wie können wir die verlorenen, nicht stattgefundenen Initiationen der vergangenen Generationen bis ins heute herstellen?

Die Initiation als Ritual des Übergangs in eine wichtige Phase des menschlichen Daseins, wurde mehr und mehr verdrängt durch Kontrolle ersetzt.
Das Vertrauen in die Kraft und die Eigenständigkeit des jungen Menschen und damit des Menschen im allgemeinen ging verloren in der Sorge um die Zukunft.
Unsere Eltern der letzten Generationen sorgten sich um ihre Kinder, um ein besseres Leben, mehr Wohlstand, mehr Annehmlichkeiten etc…dabei fiel die Freiheit und die Eigenverantwortung des Menschen dem Sicherheitsgedanken zum Opfer.
Dem Wunsch nach einer fiktiven Sicherheit, die wir auch heute nicht haben, trotz aller Versicherungen, welche wir gerne bezahlen, trotz des Sozialsystems, trotz der vermeintlich sicheren Arbeitsplätze…
Nichts ist sicher und wir opfern auf diesem Altar unsere Kinder und deren Unabhängigkeit.
Wir leiden alle an dieser Abhängigkeit, wir wollen alle frei sein und doch sicher.
Das geht nicht zusammen…Freiheit ist Risiko, etwas wagen, Eigenverantwortung, abwägen.
Sicherheit ist oft Fremdbestimmung, meine Wahl abgeben, mich auf eine andere Instanz, etwas Mächtigeres verlassen, keine Fragen stellen, warm und weich gebetet zu sein, im Gefängnis meiner mir von anderen und mir selbst auferlegten Pflichten, Wertvorstellungen und Wünsche.

Initiation bedeutet freigelassen werden, mich selber verantworten dürfen und müssen, fliegen lernen, mich selbst kennen lernen dürfen und dann wieder heim kommen und ein Teil der Erwachsenen, der in das Leben gewachsenen, zu sein…dem Kindsein, dem behütet sein entwachsen zu sein, um mich nun selbst behüten zu können und damit auch andere, meine Kinder, deren Wegbegleiter ich nun sein kann.

Initiation bedeutet auch die Nabelschnur ein zweites Mal zu durchtrennen, ich werde von meinen Eltern freigelassen, ins Leben, ich darf selbst bestimmen, meine eigenen Erfahrungen machen und im besten Falle darf ich das alles mit dem Gefühl des richtig sein, wie ich bin verbinden, weil ich mich auch von den Wertvorstellungen der Eltern, dem Rollenverständnis und dem Weltverständnis trennen darf…um zu überprüfen, um mich zu testen, um dann für mich zu wählen, welche Werte mir wichtig sind, welche Werte ich leben möchte, was mir für ein Geschenk gemacht wurde.
Um dieses Geschenk meiner Ahnen erkennen zu können, um mich wirklich aus ganzem Herzen wieder zurück verbinden zu können, muss ich losgelassen werden.
Das dies am „leichtesten“ durch einen freiwilligen Akt, ein Ritual, ein gemeinsames Fest geschieht anstatt durch den pubertären Kampf um Freiheit und eigene Meinung, der heute leider so oft in die Trennung führt ist denke ich nachvollziehbar.

Wenn die Eltern, begleitet durch die Ältesten, die Weisen (des Stammes, des Dorfes, der Gemeinschaft) dieses Losschicken, Freilassen in das eigenen Leben des jungen „Grenzgängers“ zelebrieren und mit dem jungen Menschen feiern können, dann entsteht Freiheit, dann wird die Liebe erwachsen, dann kann die Rückkehr und das Verbundensein mit den eigenen Wurzeln wirklich stattfinden.
Dann habe ich die Wahl unabhängig zu sein.
Und das trifft auf beide Seiten zu.
Die Beziehung zwischen Eltern und Kind wird damit auch erwachsen.

Dann können Eltern ihren Kindern (ver)trauen das Leben zu leben, dann können Kinder wild und frei sein, dann kann Gemeinschaft entstehen, ohne Zwang und Erwartungen, dann wissen die Menschen wieder über ihren Wert, denn sie durften ihn selber finden, weil sie freigelassen wurden, sich und die Welt zu entdecken.

Und nein, ich meine nicht, dass wir unsere Kinder schubsen sollen.
Ich glaube, dass unsere Kinder eigenverantwortliche, großartige Wesen sind, die einfach nur unsere Begleitung brauchen, um sich an ihre eigene Großartigkeit zu erinnern.
Unsere Kinder brauchen keine Er-zieh-ung, es muss nicht an ihnen gezogen werden, es darf ihnen die Hand gereicht werden, es darf ihnen immer wieder gesagt und gezeigt werden, wie wunder-voll sie sind, wir dürfen sie an-leiten.

Das können wir nur tun, wenn wir es selber erfahren haben, wenn wir uns selber unseres Wertes bewusst sind, wenn wir selber wild und frei sein durften, wenn wir uns selber er-leben durften.
Viele Generationen durften diesen Selbstwert nicht entwickeln, hatten keine Vorbilder, Kriege und auch die heutige finanzielle Abhängigkeit, der Kampf ums Überleben, sorgten dafür, dass Väter nicht anwesend waren. Die Frauen mussten während der Kriege alles sein, sie mussten für die Nahrung und den Lebensunterhalt , das Zuhause und die Wärme sorgen, sie mussten aufbauen und sie mussten große Verluste verarbeiten und dann ganz nebenbei auch noch Mütter sein…ein Job, der an so vielen Stellen nicht erfüllt werden konnte, weil er einfach zu viel für einen Menschen ist. Die Väter mussten furchtbare Dinge erleben, kamen, wenn überhaupt traumatisiert, immer seelisch und oft auch körperlich verletzt, aus den Kriegen zurück.
Die Männer wie die Frauen der heutigen Zeit suchen ihren Platz, wissen nicht wie es geht wirklich Mann oder Frau zu sein, wie es geht Mutter oder Vater zu sein.
Es fehlte uns an Vorbildern.

Es wurde ein System, ein Wertemodell installiert, dass die Kernfamilie heiligte und die Großfamilie abschaffte, Mütter mussten bald mit arbeiten, um die Familie zu ernähren, Väter waren nur noch die Versorger und arbeiteten bis zum Umfallen, die Kinder wurden immer früher in die Fremdbetreuung durch den Staat, das System geschickt, der Druck in den Schulen wuchs immer mehr und auch die Kinder mussten dem Druck standhalten.
Die Kernfamilien zerbrachen immer mehr.
Es gab immer weniger Raum für freie Entfaltung und gemeinsame Erlebnisse, die Pubertät, das Erwachsen werden, das sich Häuten der Kinder wurde immer lästiger und die Kinder immer lauter und auffälliger, im aufgedrückten Kampf um ihr eigenes Bewusstsein, welches nicht mehr gewünscht war.
Die Praxen von Ergotherapeuten, Kinderpsychologen und die damit zusammenhängende Pharmaindustrie boomten und doch wurde es nicht besser.

In dieser Zeit nun lebe auch ich und wundere mich über all diese Geschehnisse, weine oft über diese Wunden, lehne mich auf gegen die Ungerechtigkeit.

Wir brauchen wieder die Initiation, wir brauchen wieder das Vertrauen in uns selbst und in unsere Kinder, wir dürfen uns immer wieder ins Bewusstsein rufen, dass unsere Kinder in der Lage sind ihr Leben zu leben. Das hat die Natur so eingerichtet.
Unsere Aufgabe ist es ihnen die Übergänge zu erleichtern, sie zu sehen in ihrer ganzen Einzigartigkeit.

Lasst uns unsere Kinder wieder initiieren.
Lasst uns unsere Kinder wieder voll Vertrauen dem Leben übergeben.
Lasst uns gemeinsam Feste feiern für die Mannwerdung der Jungen.
Lasst uns die Mädchen wieder feierlich in den Kreis der Frauen aufnehmen..

Lasst uns uns selber wieder initiieren und lasst uns Heilung in die Ahnenreihe bringen, damit die Menschheit endlich wieder in Eigenverantwortung leben kann.
Lasst uns endlich wieder das Weibliche und das Männliche ins Gleichgewicht bringen, in uns selbst und auch im Außen.
Wir brauchen Beides.
Wir sind gleichwertig.
Es werden großartige Dinge geschehen, wenn wir unsere Größe endlich wieder anerkennen.
Wir sind großartig, richtig und wunderschön…jeder von uns, jeder auf seine Art, jeder anders, alle gleich.

Herzensgrüße

Deine Sandra

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